HVZ: Guten Tag Herr Wehr, wie haben Sie und Ihre Einrichtung den Corona-Lockdown erlebt?

Robert Wehr: Als im März die Kontaktsperren kamen, konnten wir problemlos darauf reagieren. Wir sind es gewohnt, mit Neuem umzugehen. Bei uns gibt es fünf Steuerungsgruppen, einen für jeden Wohnbereich. Wir haben einen Hygieneplan entwickelt und Besuchsmöglichkeiten geschaffen - wie sichere Fensterflächen und einen Pavillon im Freien.
Bei uns leben 160 Bewohnerinnen und Bewohner. Ab März hatten wir ganz intensiv nach Krankheitssymptomen geschaut, etwa ob die Temperatur erhöht ist. Ein Wohnbereich war stark betroffen mit sechs positiv getesteten SeniorInnen. Ab 10. April war daher Stillstand bei uns. Es gab Einschränkungen für die Bewohnerinnen und Bewohner.  Das war ein Prozess von zwei Wochen. Danach haben wir 280 Tests durchgeführt, von denen einer positiv war. Dann hatten wir Sicherheit.

HVZ: Viele Einrichtungen wollen testen, aber kommen entweder nicht an Tests heran oder es ist unklar, wer die Tests bezahlen soll. Wie war das bei Ihnen?

Robert Wehr: Ich hatte große Diskussionen geführt, erst mit den Hausärzten, von denen einige das Testen unterstützten, andere nicht, dann mit dem Gesundheitsamt. Ich bin bis zur Kassenärztlichen Vereinigung gegangen, um eine Gesamttestung zu bekommen. Zum Glück stimmte der Landkreis zu und wir konnten die 280 Tests durchführen.
Seither sind wir auf dem Weg zu mehr Normalität. Die Bewohnerinnen und Bewohner können wieder miteinander essen und Besucher empfangen. Um Neuinfektionen zu verhindern, haben wir an die Verantwortung unserer 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter appelliert. Das ist im Alltag nicht einfach. Natürlich haben unsere Beschäftigten Kontakte, Familien und sie fahren mit dem öffentlichen Nahverkehr.

HVZ: Waren Sie ausreichend mit Schutzkleidung ausgestattet?

Robert Wehr: Ende März/Anfang April war die Situation äußerst schwierig. Masken und Schutzkittel waren auf dem Markt nicht mehr vorhanden oder nur zu stark überhöhten Preisen zu bekommen. Ich hatte einmal 100 Masken zu 1000 Euro gekauft. Damit waren wir gerade mal fünf Tage versorgt. Die Kosten wären zu einem riesengroßen Problem geworden, hätte es nicht den Rettungsschirm gegeben, durch den die Kosten wiedererstattet wurden. In dieser schwierigen Zeit gab es Situationen, wo wir wussten, wenn jetzt etwas passiert, reicht die Schutzkleidung für zwei Tage. Einige Tage lang haben mehrere MitarbeiterInnen und ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Schutzkleidung zu organisieren.
Das hat zum Glück funktioniert, was auch daran lag, dass der Katastrophenschutz in Northeim sehr gut aufgestellt ist und uns mit Schutzkleidung unterstützt hat.
Wir haben diese Krise bewältigt. Und ich bin überzeugt: Ohne unsere gute Personalausstattung hätten wir das nicht geschafft. Wir haben einen guten Personalschlüssel, unter anderem auch durch die „Spahn-Stellen“ und wir haben ein gutes Klima im Haus. Bei uns ist die Fluktuation gering. Das ist nach außen auch bekannt. Wir bekommen immer wieder Bewerbungen von Menschen, die eben gerade deswegen bei uns arbeiten möchten.

HVZ: Personalmangel ist das Hauptproblem in der Pflege. Wie haben Sie das geschafft, dass Sie davon nicht so betroffen sind?

Robert Wehr: Das sind die Früchte intensiver Arbeit der letzten Jahre. Dafür haben wir intern sehr viel getan. Ich bin sicher, mit offenen Stellen im Haus hätten wir viele Krisen nicht bewältigen können.
Seit vielen Jahren kümmern wir uns um die Arbeitszufriedenheit unserer Beschäftigten. Wir haben ein Konfliktmanagement und hinterfragen immer wieder: Wie gehen wir miteinander um?
Wir haben uns an das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) gewendet und wurden extern begleitet. Es werden MitarbeiterInnen-Frühstücke, MitarbeiterInnen-Partys und -Ausflüge organisiert. Bei uns bestimmen auch die Menschen an der Basis über Vieles mit. Wir haben eine flache Hierarchie. Ich möchte, dass jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin zu mir ins Büro kommen und Kritik üben kann, wenn er oder sie das für nötig hält.

Außerdem ist für unsere Unternehmenskultur von Vorteil, dass wir ein Verein sind. Natürlich sind wir wirtschaftlich, aber wir sind vor allem gemeinnützig orientiert. Wir sind das Kapital des Vereins. Unsere Vereinsmitglieder sind sehr engagiert und haben schon einiges für die Einrichtung angeschafft, zum Beispiel den Kamin, den wir im Eingangsbereich haben.

HVZ: Spüren Sie, dass Corona auch einen positiven Effekt für die Pflege hat, zum Beispiel durch eine wertschätzendere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit?

Robert Wehr: Auf jeden Fall. Corona hat das Bewusstsein der Pflege in der Öffentlichkeit gestärkt. Wir bekommen so viele positive Rückmeldungen von Angehörigen oder Menschen aus der Region. Ein großer Fruchtsafthersteller hat uns 5000 Saftkartons geschenkt, als Anerkennung für die Beschäftigten und Trost für die Bewohnerinnen und Bewohner. Über 80 Angehörige haben für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Geld gesammelt. Dabei kamen 9100 Euro zusammen, die unter den Beschäftigten aufgeteilt wurden und jeder erhielt 70 Euro. Ich hielt mich ganz aus dieser Sammelaktion raus und hatte mich nur bei der Heimaufsicht versichert, dass so ein Geldgeschenk rechtens ist.
Auch der Pflegebonus, den es jetzt gibt, ist eine gute Sache. Seit vielen Jahren fehlt dem Pflegeberuf die Anerkennung, aber gerade tut sich etwas. Zum Beispiel wurden im Mai die Pflegekosten erhöht; die Eigenanteile sind um 180 Euro gestiegen, aber es gab keine Beschwerden weder von den Betroffenen noch von den Angehörigen.

HVZ: Wie sind Sie mit der Situation umgegangen, als bei Ihnen die ersten positiven Corona-Fälle getestet wurden?

Robert Wehr: Ich bin damit sogleich an die Öffentlichkeit getreten. Am Freitag gab es den ersten Fall, am Montag schickten wir eine Pressemitteilung raus. Wir haben viel Zuspruch bekommen, aber es gab auch große Ängste. Eine Angehörige hat ihre Mutter mitgenommen, eine andere wollte ins Haus eindringen. Aber das sind zwei Fälle bei 160 Bewohnern.
In einer Krise ist ein transparenter Umgang wichtig. Wir haben sehr viel darüber geredet und besprochen, um die Ängste zu nehmen. Das gilt genauso für den Umgang mit den Beschäftigten. Für sie war diese Zeit physisch und psychisch enorm belastend. Geholfen hat dabei unsere Organisationsstruktur: Wir haben immer wieder begründet und klare Vorgaben gemacht.

HVZ: Wie könnte ein Exit aus dem Lockdown aussehen?

Robert Wehr: Ein Weg für einen schnelleren Exit wäre, regelmäßig zu testen. Darüber bin ich mir mit den KollegInnen einig, mit denen ich mich in einem Fachverband austausche. Mit zuverlässigen Schnelltests kämen wir schnell in eine Situation, in der wir weiter lockern könnten. Im Moment müssen wir aber immer noch um Tests kämpfen.

Daher werden wir den Ausstieg weiterhin sehr bedacht angehen. Die nächsten 2-3 Wochen werden wir bei unserer jetzigen Regelung bleiben. Bei uns gibt es fünf Besuchsplätze im Haus oder außerhalb, wo sich Familien treffen können. Die Angehörigen tragen sich dafür in Listen ein.
Das ist immer mit organisatorischem Aufwand für unsere Beschäftigten verbunden, die die Bewohner hinbringen und nach einer halben Stunde wieder abholen müssen. Aber wir hatten das von Anfang an flexibel gehandhabt. Wenn ein Platz in der Liste frei wurde, konnte sich jemand spontan eintragen.
Wir haben viele Diskussionen mit den Angehörigen geführt. Nach den Lockerungen meinten manche, sie könnten nun wieder durch den Flur ins Zimmer gehen. Da haben wir unsere Meinung immer wieder und sehr überzeugend vertreten.
Allerdings hatten wir jederzeit Ausnahmen für Besuche bei schwerbehinderten und bettlägerigen Personen oder auch Palliativpatienten gemacht. Das ist für uns ein ethisches Gebot.  Unsere Einrichtung beschäftigt sich schon lange intensiv mit palliativer Versorgung. Hier hatten wir von Anfang an Ausnahmen kreiert und Besucher konnten längere Zeit bleiben. Dieses Risiko sind wir bewusst eingegangen.

HVZ: Herr Wehr, vielen Dank für das Gespräch!

Das Alten- und Pflegeheim der Inneren Mission Northeim e.V. lässt sich seit 2009, dem Startjahr für den Grünen Haken, regelmäßig alle zwei Jahre begutachten. Aktuell hat sich die Einrichtung zum 9. Mal für eine Begutachtung zur Erlangung unseres Grünen Hakens angemeldet.