Wenn für Schwule, Lesben oder Transgender der Umzug ins Pflegeheim bevorsteht, treten meist alte Ängste wieder zutage. Auch wer offen gelebt hat, fürchtet sich, wenn er plötzlich auf Pflege und andere Menschen angewiesen ist, wieder abgelehnt und stigmatisiert zu werden.

Anja Zeuner, Leiterin des Lichtensteiner HEWAG Seniorenstifts, möchte in ihrer Einrichtung ein Klima schaffen, in dem sich alle sexuellen Identitäten willkommen und geschützt fühlen können.
Dafür hat sie im Juli 2018 das Projekt „Lebensort Vielfalt“ gestartet, das von der „Schwulenberatung Berlin“ entwickelt wurde. Am Ende steht das Qualitätssiegel für LSBTI-freundliche Senioreneinrichtungen (siehe Anhang).
„Das Berliner Qualitätssiegel gibt ein Konzept vor, einen roten Faden, aber man kann sich nicht stur an diese Vorlage halten. In einer Einrichtung gibt es immer Vieles, das individuell geklärt werden muss“, so Einrichtungsleiterin Zeuner.

Im HEWAG Seniorenstift leben 128 BewohnerInnen in fünf Wohnbereichen. Ein Wohnbereich mit 14 Plätzen ist für LSBTI-BewohnerInnen reserviert. Im familiären Rahmen dieses kleinen Wohnbereichs soll den neuen Bewohner*innen ein sanfter Einstieg ins Pflegeheim bereitet werden: „Das große Tabu soll hier etwas kleiner sein“, sagt Einrichtungsleiterin Zeuner.  Die Umsetzung für „Lebensort Vielfalt“ erarbeitet sie gemeinsam mit zwei Studentinnen in ihrem Haus, einer angehenden Sozial-Gerontologin und einer angehenden Pflegemanagerin. „Junge Menschen gehen mit diesem Thema selbstverständlicher um“.
Schwule und Lesben sind im Alter anfälliger für psychische Krankheiten als Heterosexuelle. „Das Kurzzeitgedächtnis ist plötzlich weg, stattdessen ist das Langzeitgedächtnis wieder da“, erklärt Anja Zeuner. Die Erfahrungen, die Homosexuelle in ihrer Jugend gemacht haben, sind nun wieder präsent. „Alte Homosexuelle haben in ihrer Jugend oft Ablehnung erfahren oder sie haben aus Angst vor Diskriminierung ihre sexuelle Orientierung verheimlicht.“ Erst 1994 verschwand Paragraph 175, der sog „Schwulenparagraph“, aus dem Gesetz. Bis 1969 waren schwule Kontakte generell unter Strafe gestellt. Um herauszufinden, was die BewohnerInnen in jungen Jahren erlebt haben, setzt man im HEWAG Seniorenstift auf Biographiearbeit.

Die Umstellung hin zu einem LGBTI*-freundlichen Seniorenheim ist komplex. Es umfasst alle Bereiche einer Einrichtung. MitarbeiterInnen müssen dafür sensibilisiert werden, was ein angemessenes Vokabular ist. Sie müssen geschult werden, um mit Fragen und Vorbehalten umgehen zu können, und auch um selbst nicht von neuen Situationen überfordert zu werden. Die Räumlichkeiten müssen angepasst werden. Frauen, die als Mann geboren sind, brauchen etwa ein geräumiges Badezimmer, weil sie sich meist aufwändig schminken und Platz für ihre Utensilien benötigen.
Auch die Hausordnung muss überarbeitet werden. In den meisten Senioreneinrichtungen werden Zwei-Bett-Zimmer mit Personen des gleichen Geschlechts belegt. Für eine explizit LSBTI-freundliche Einrichtung gilt diese Regelung nicht mehr.

Lichtenstein ist nicht Berlin, wo es schwule Wohngemeinschaften und Seniorenheime für LSBTI bereits gibt. Lichtenstein ist eine sächsische Kleinstadt mit 11.000 Einwohnern. Mit seiner Ausrichtung ist das HEWAG Seniorenstift ein Vorreiter in der Region. Anja Zeuner geht mit ihrem Projekt immer wieder an die Öffentlichkeit. Die Resonanz war bisher verhalten. „Vielleicht ändert sich das, wenn im Herbst ein schwules Paar bei uns einziehen wird. Vielleicht sind die beiden mal bereit, ein Interview zu geben“, hofft die  Einrichtungsleiterin.

Wie alle Pflegeheime leidet auch das HEWAG Seniorenstift an Mitarbeitermangel. Anja Zeuner hofft, durch die Orientierung in Richtung moderne Altenpflege und indem sich die Einrichtung der Vielfalt öffnet, neue MitarbeiterInnen gewinnen zu können.

Kontakt:
HEWAG Seniorenstift Lichtenstein

Martin-Götze-Straße 14
09350 Lichtenstein

Tel.: 037204 740
Fax: 037204 74111
seniorenstift.lichtenstein@hewag.de

Einrichtungsleitung/AnsprechpartnerIn:
Frau Anja Zeuner
Tel.: 037204-74451

 

Qualitätssiegel Lebensort Vielfalt® der Schwulenberatung Berlin

Das Lebensort Vielfalt® - Qualitätssiegel „ist eine Auszeichnung, die stationäre Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste erhalten, die in struktureller, organisationspolitischer und personeller Hinsicht Voraussetzungen schaffen, sexuelle und geschlechtliche Minderheiten zu integrieren.
Einrichtungen erhalten diese Auszeichnung, wenn sie sich nachweislich bemühen, die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt ihrer Klient*innen, Bewohner*innen und Mitarbeitenden als wesentlichen Aspekt ihrer Persönlichkeit zu berücksichtigen - in der Pflege wie im alltäglichen Leben.
Vorbild für die Konzeption des Qualitätssiegels ist der Lebensort Vielfalt, ein Mehrgenerationenhaus mit integrierter Pflege-WG in Berlin. Die LSBTI* Community war an der Ausgestaltung des Qualitätssiegels beteiligt und wird perspektivisch bei der Begutachtung der Einrichtungen einbezogen werden.